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Lietzow Kultur

Relikte der letzten Jäger und Sammler: das Mysterium der „Lietzow-Kultur“

Text von Katrin Staude, Archäo Tour Rügen

 

 

In Dänemark und Norddeutschland und somit auch auf Rügen ist am Ende der Mittelsteinzeit von ca. 5400 bzw. 5450 bis ca. 4100 v. Chr., im sog. Endmesolithikum, die Ertebølle-Kultur verbreitet.

 

Benannt wurde diese Kultur der letzten Jäger und Sammler (vor der bäuerlichen Kultur der Jungsteinzeit einzuordnen) nach dem Fundort in Ertebølle am Ostufer des Limfjordes in Jütland. In Ertebølle wurde ein ca. 140 m langer, 30 bis 40 m breiter und bis zu 1,5 m hoher Muschelhaufen, der zwischen 1893 und 1897 und von 1979 bis 1984 untersucht wurde, entdeckt. Auch an anderen endmesolithischen Fundplätzen konnten Muschelhaufen, teils mit menschlichen Skeletten und diversen Artefakten versehen, aufgedeckt werden. Diese Køkkenmødding, die Fachterminologie für die Muschelhaufen, sind prähistorische Abfallhaufen aus Nahrungsresten wie Muschelschalen und Schneckengehäusen, die oft als Ergebnis der Gezeitenfischerei an Meeres- oder Flussufern entstanden sind. In Norddeutschland wird die Ertebølle-Kultur aufgrund der fehlenden Køkkenmødding nach einem weiteren Fundort in Kiel auch Ertebølle-Ellerbek-Kultur genannt. Typische Artefakte der Ertebølle-Kultur sind beispielsweise Querschneider (Pfeilspitzen), Kern- und Scheibenbeile, Boote und Paddel, T-Äxte aus Geweih, Speere, Bohrer, Aalstecher, Bögen, Fischereigeräte, Tonlampen sowie erste Keramik in Form von meist unverzierten, spitzbodigen (nicht von allein stehenden) Gefäßen ab frühestens 4600 v.Chr. Auch an einem Fundplatz in der Gemarkung Baabe auf Rügen wurden Einbaumfragmente aus Lindenholz, Aalstecher, Eschen-Speere, angespitzte und gekerbte Rundhölzer und mehrere Fragmente von Reusengeflechten ausgegraben.

 

Doch was hat nun die Ertebølle-Kultur mit der Rügener Lietzow-Kultur zu tun?

Im Prinzip ist das Fundmaterial der Lietzow-Kultur fast das Gleiche, wenn auch mit einem größeren Gerätespektrum ausgestattet. Doch auf Rügen wurde bisher keine typische ertebøllezeitliche spitzbodige Keramik gefunden bzw. vielleicht auch noch nicht gefunden. Das ist der eigentliche Grund, warum schon Rudolf Baier, aber auch Friedrich von Hagenow u.a. annahmen, dass es sich um eine eigenständige Kultur bzw. um eine Art Untergruppe der Ertebølle-Kultur handeln müsste. Den Terminus „Lietzow-Kultur“ führte somit 1897 Rudolf Baier für die ausgehende Mittelsteinzeit ein.

Der Begriff Lietzow-Kultur stammt von den bekannten mittelsteinzeitlichen Fundplätzen nahe Lietzow ab. Die ältesten Funde dieser Rügener Kultur wurden an den Fundplätzen in Stralsund und Drigge entdeckt. Beim Bau des Rügendamms tauchte nahe Drigge 1933 in einer Torfschicht ca. 5 m unterhalb des heutigen Seebodens neben Tierknochen, Geweihen und drei T-Äxten ein einzelner Schädel ohne Hinweise auf eine Grablegung auf. Die Schädelkalotte dieses ca. 30-40 Jahre alten Mannes war mit insgesamt 34 feinen und akkurat ausgeführten Schnittspuren auf dem oberen Schädelknochen versehen. Diese Schnittspuren sind einer Skalpierung des Schädels zuzuschreiben. Ob der Mann dabei schon tot war, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Klar ist aber, dass später auch noch der Kiefer abgetrennt wurde. Noch andauernde Untersuchungen am Schädel sollen über die Kern-DNA die genetische Herkunft des Mannes im Abgleich zur Oder-Region verraten. Dabei können auch das Geschlecht, die Augen-, Haar- und Hautfarbe bestimmt werden.

 

 

 

Der folgende Text über Friedrich von Hagenow und seine Forschungsarbeit ist aus der Chronik von Lietzow 

(bzw. der Heimatchronik, geschrieben vom Lehrer Wilhelm Wewetzer; Ordner 1)

 

 

Unser Heimatort Lietzow war schon in vorgeschichtlicher Zeit von Menschen besiedelt. Das ist heute nicht nur bei uns, sondern in geschichtlich interessierten Kreisen Deutschlands und in der ganzen Welt bekannt: denn bestimmte Forschungsergebnisse aus der mittleren Steinzeit (dem Mesolithikum) führen ihren Namen nach unserem Ort als Lietzow Kultur.

[…]

 

Schon im Jahre 1827, als der Altertumsforscher Fr. v. Hagenow bei Semper Vermessungen für seine Rügenkarte in Angriff nehmen wollte, fand er hier plötzlich viele Feuersteinbruchstücke von eigentümlicher, gleichartiger Form. Er schreibt darüber: „In zwei Stunden hatten wir über 200 Stück dieser Messer, teils unversehrt, teils zerbrochen gefunden nebst wenigstens 20 Stück Steinäxten und vielen kleineren und größeren Bruchstücken von geraden und sichelförmig gekrümmten Opfermesser Besonders merkwürdig erschien mir der Fund deshalb, weil kein einziges von allen Stücken ganz vollendet war. Die Streitäxte und Opfermesser sind alle nur ganz roh geformt, so daß an einigen Stücken nur eben zu sehen ist, wozu man sie formen wollte.“

 

Er glaubt also, es seien unfertige Geräte der Jungsteinzeit. Auch der Staatsanwalt Rosenberg aus Bergen, dessen wunderbar reichhaltige Sammlung das germanische Museum in Nürnberg erbte, und Rudolf Virchow waren seiner Meinung. Der erste Direktor und Begründer des Stralsunder Museums aber, Baier, erkannte, dass die bisherigen Funde der Jungsteinzeit nicht aus diesen rohen Stücken bearbeitet wurden, sondern eine spätere und andere Kultur darstellte. Die Funde von Hagenow gehörten danach einer älteren Zeit an, die wir mittlere Steinzeit, das Mesolithikum nennen.

 

Es ist die erste Zeit der Besiedlung Rügens nach dem Verschwinden des Eises (etwa 4-5000 – 2500 v. Z.). Rügen besteht damals noch aus Inseln, die nicht durch die Schwemmlandbildung aneinander gebunden sind.

 

Wahrscheinlich sind von den dänischen Inseln die ersten Ansiedler herübergekommen, die in den Wäldern und in der See ihre Nahrung jagten und fischten. Das schließt man aus den gleichartigen Funden bei uns und dort. Die Feuersteine waren in so großen Mengen vorhanden, daß sie sich genug Werkzeuge für ihre Lebensnotwendigkeit schaffen konnte und wohl auch, wie Funde zeigen, auf Rügen und an die Küstengebiete Pommerns verhandelten.

 

Viel fand Fr. v. Hagenow 1827, mehr noch über 20 000 Stück aber 1897. Prof. Dr. Haas am „Spitzern Ort“. Alle Werkzeuge der Steinzeit: Messer, Schaber, Beile, Bohrer, Lanzen, Pfeilspitzer, Säge und Meißel lagen hier. 72 Schritt von Norden nach Süden, im rechten Winkel zum Bahngleis, an dem Gartenland, das früher zu dem 1891 abgebrochenen Roggschen Gasthaus gehörte, liegt die Fundstelle.

 

Die Breite der Grube beträgt 40 Schritt. Der obenauf liegende Mutterboden ist ½ Fuß dick, darauf liegt grober mit Steinen untermischten Kies. Tiefer ist brackiges Wasser. Dieser Platz hat früher über Wasser gelegen und ist durch die sogenannte Litorina Senkung unter Wasser getaucht.

 

Daher weiß man zu berechnen, wann die Menschen jener Zeit hier lebten.

 

 

 

 

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