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Lietzower Leute

Gerhard und Erna Schramm

Gerhard Schramm – Lietzows Bürgermeister von 1990 bis 1994 

„Wenn das mal anders kommt, sind Sie alle weg vom Fenster!“

Gerhard Schramm (89) erzählt gerade eine Anekdote von der Wendezeit, als er eine Bürgergemeinschaft mit anderen Gleichgesinnten aus Lietzow gründete. Die Gruppe wollte parteilos sein, erklärt er, um sich ohne irgendwelchen Lobbyismus auf die kommunalen Bedürfnisse zu konzentrieren. Als sie sich im Strandeck versammelten, kam dieser Spruch von einem überzeugten Parteimitglied, das draußen stand.

„Aber es kam nicht anders,“ lächelt Gerhard Schramm und, wie so oft, spiegelt sich der trockene Humor in seinen Augen wider.

 

Wir sitzen gerade im Wohnzimmer vom ehemaligen Bürgermeister, in einem Haus, das er neben seiner Arbeit als Lehrer größtenteils selbst gebaut hat.

„Ich weine der DDR keine Träne nach“, kommentiert er weiter. Er hält für einen Moment inne. Dann schaut er hoch. „Wir wollten damals endlich was bewegen: ein erneuertes Lietzow mit neuen Wohnungen, Straßen und einem vernünftigen Abwasser-System. Das wurde bis dahin sehr vernachlässigt.“ Er hatte, erklärt er weiter, eigentlich gar nicht vor, Bürgermeister zu werden. Das geschah eher zufällig, weil er die meisten Stimmen bekam. Lächelnd ergänzt er: „Ich war der erste Bürgermeister bei der ersten freien Wahl, Lietzows letzter Bürgermeister in der DDR und der erste nach der offiziellen Wiedervereinigung.“

 

Nicht, dass die Zeit in Lietzow vor der Wende nicht gut war, betont er. Er lebt seit 66 Jahren in Lietzow und dachte nie darüber nach, irgendwo anders zu leben. Weniger gut verlief hingegen sein Leben vor seiner Ankunft auf Rügen oder anders gesagt: der Weg dorthin gestaltete sich ziemlich steinig.

 

Geboren in Loitz 1931 war Gerhard Schramm erst 13 als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Sein Vater fiel 1941 in Russland und da dieser als Soldat in der Waffen-SS war, wurde seine Mutter von der russischen Besatzung verhaftet. Gerhard und seine 16-jährige Schwester mussten drei-ein-viertel Jahre, ohne Nachricht, alleine zu Recht kommen bis zur Rückkehr der Mutter und der des Bruders aus der Kriegsgefangenschaft.

Nachdem für ihn der Weg ins Gymnasium gesperrt blieb, machte der junge Schramm zunächst eine Lehre als Bäcker. Erst danach war es ihm möglich, seinem Karrierewunsch zu folgen und Lehrer zu werden. So kam er nach dem Lehrerbildungsinstitut, mit 23, nach Lietzow, um in der Gemeindeschule Mathematik zu unterrichten. Später, nach einem Fernstudium, kamen Physik und Astronomie dazu.

 

„Die Zeit als Lehrer in der Dorfschule, die jetzt das Gemeindehaus ist, war eine besondere Zeit,“ sagt Gerhard Schramm. „Es gab drei Jahrgänge in einem Raum. Der Kontakt mit den Schülern und deren Eltern war viel enger. Man hat Probleme viel früher erkannt – und konnte sie daher leichter lösen.“

Es war überhaupt eine schöne Zeit für den jungen Lehrer. 1956 hat er seine Kindheitsliebe, Erna, geheiratet, die ihm als Lehrerin für Deutsch und Literatur nach Rügen folgte. „Wir lernten uns schon im Sandkasten kennen“, erinnert Schramm. „Wir führten eine sehr glückliche Ehe“.

 

1961, nach der Zentralisierungswelle der DDR, wurden u.a. Lietzows Metzger, Bäcker und die Dorfschule wegrationalisiert und größere Schüler (10-16 Jahre) und deren Lehrer kamen nach Sagard. Alles wurde straffer reguliert; Gerhard Schramm erzählt stolz, dass er es trotzdem schaffte, nicht Parteimitglied werden zu müssen. Aber fügt hinzu, dass dies als Lehrer für Mathematik auch nicht ganz so problematisch war, wie für die KollegenInnen, die Fächer wie Geschichte oder Erdkunde unterrichteten. „In der Mathematik ist drei mal drei immer neun,“ zwinkert er.

 

Er war immer in der Gemeinde aktiv, als Naturschutzbeauftragter, der die Schwäne während der Schneestürme von 1979 fütterte, als Bürgermeister Anfang der 90er Jahre und nicht zuletzt als Experte für Lietzows Geschichte, mit einer faszinierenden Sammlung selbst-recherchierter Dokumente und Bildern.

Karin Schramm mit ihrer Tochter Hedwig

Seinen Lebensgeist und Gemeindesinn hat Gerhard Schramm offensichtlich vererbt. Nicht nur sein Sohn Olaf war aktiv in der Gemeinde, auch seine Enkelin Karin arbeitete in der Gemeindevertretung bis ihr erstes Kind zur Welt kam und sie spielt heute noch eine führende Rolle als Leiterin des Finanzausschusses.

 

Als es am Heiligabend in der Nordstrasse brannte, war sie sofort dabei und leistete einen wichtigen Beitrag, um den betroffenen Familien zu helfen. 

 

Als das Familienoberhaupt abschließend gefragt wird, was er denjenigen rät, die in einer Gemeinde etwas voranbringen wollen, antwortet er gleich: „Man muss immer mit den Nachbarn sprechen und zuhören; so lernt man am besten, was für den Einzelnen wichtig ist.“

 

 

 

Sarah Trenker, Februar 2021

 

Die Gemeineschule ca. 1923

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Gerhard Schramms Geschichte "Lietzow von der Fähre zum Damm" auf dieser Webseite.

 

Zum Brand am Heiligabend siehe FFW Lietzow.

 

 

Das Bild zeigt die alte Gemeindeschule, jetzt das Gemeindehaus, in ca. 1923. 

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