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Lietzower Leute

Oliver Last

Oliver Last: Gemeindevertreter und Gruppenführer der FFW Lietzow

 

„Warum? Jeder kennt mich hier in Lietzow,“ fragt Oliver Last (34) als ich ihn um ein Interview bat. In der Tat gehören die Lasts zu einer der ersten Einsiedlerfamilien in Lietzow und sind seit Generationen ihrem Heimatort treu geblieben.

 

Tradition ist daher ein Wort, das bei Oliver Lasts Familie seine richtige Bedeutung kennt. Opa, Vater und Söhne haben alle in der Freiwilligen Feuerwehr gedient, wo Oliver – seit seinem 16. Lebensjahr dabei – inzwischen Gruppenführer und Ausbilder ist.

„Die Feuerwehr kann ich jedem empfehlen,“ sagt Oliver. „Man lernt sehr viel und die Kameradschaft ist großartig. Man macht viel zusammen, auch privat und mir macht es Spaß anderen zu helfen.“

 

Es gäbe auch, neben den wichtigen Einsätzen, wo wie im Dezember Kinder von einem brennenden Haus zu retten waren, den einen oder anderen lustigen Einsatz führt er fort. Einmal bekamen sie im Winter einen Anruf von einer besorgten Lietzowerin, die von einem Schwan berichtete, der im Eis eigefangen war. Nicht leichter als das, dachten die Kollegen und setzten sich im Auto und fuhren hin. Aber das Eis war nicht fest genug, um sicher darauf zu gehen, daher war ein Boot nötig. Alles zu organisieren, brauchte natürlich Zeit, zwei, drei Stunden, aber langsam kamen sie dem Schwan näher. Der Vogel zeigte sich von der Rettungsaktion ziemlich unbeeindruckt. „Plötzlich stand er auf dem Eis und flog einfach weg,“ lacht Oliver Last. „Da muss man Humor haben!“

 

Techniker im Glasfaserbereich und daher voll involviert in Deutschlands digitaler Wandlung, Oliver hat ein bisschen Zeit gebraucht, um seine Berufung zu finden. Zuerst machte er eine Lehre als Koch, aber den Beruf hat er nie ausgeübt.

„Ich koche sehr gerne zu Haus,“ erklärt er, „aber ich wusste erst als ich fertig war, dass ich in diesem Bereich mein Geld nicht verdienen wollte.“ Von der technischen Unterstützung, die er in Lietzows Call Center erlernte, ging es weiter über das Projekt Nord Stream 2, wo er für Wasco arbeitete, zu seiner jetzigen Stelle. „Da ist natürlich ganz viel für alle Angestellten zu tun momentan,“ sagt er. „Und ich habe gerade für die Firma ein paar Monate bei Hamburg verbracht.“

 

Schwer zu glauben, dass er mit der Arbeit für die Feuerwehr und seine Firma, dass Oliver noch zusätzliche freie Zeit für die Gemeinde opfern möchte. Aber doch: Seit zwei Amtsperioden ist er auch Mitglied der Gemeindevertretung in Lietzow.

„Ich habe immer viele Ideen, die ich teilen möchte,“ grinst Oliver selbstironisch. „Und ich war immer regelmäßig bei den Treffen dabei. Irgendwann fragte mich der Stellvertretende Bürgermeister, Lars Riske, ob ich mitmachen wollte. Warum nicht dachte ich?“

 

Er kann so die Belange von der Feuerwehr gut vertreten. „Nicht nur neue Geräte fehlen; wir müssen auch junge Leute nach Lietzow bringen, die sich auch in der Gemeinde, ja vielleicht auch in der Feuerwehr einbringen möchten. Als ich ein Kind war, gab es noch viele Spielkameraden da. Inzwischen veraltet das Dorf zunehmend, wie überall auf der Insel.“

Überhaupt wäre es seiner Meinung nach wichtig, mehr Wohnraum für Leute, die auf Rügen ganzjährlich leben und arbeiten wollen – und neue Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Es gäbe inzwischen deutlich zu viele Zweitwohnsitze hier.

„Da müssen die Leute von Rügen langsam dagegen steuern, sonst bleibt kein Platz mehr für die Bürger, die hier die Insel am Laufen halten.“ Und man sieht, dass er das ernst meint.

Mit einem Dorsch gefangen in Nordnorwegen

Wenn er Freizeit oder Urlaub hat, verbringt er Zeit mit seiner Partnerin Claudia und deren Hund. Auch liebt er das Angeln und kennt den Kleinen und Großen Jasmunder Bodden wie seine Westentasche. Er war öfters in Norwegen in den Fjorden, um Heilbutt und ähnliches zu fangen. Dort hat er sehr große Fische geangelt, wie man im Bild sehen kann. Und er hofft jetzt, dass die Corona-Zahlen sinken, damit er bald wieder hinfahren kann.

„Claudia angelt auch gerne,“ sagt er. „Aber sie bevorzugt eher den Winterurlaub and das Skifahren. Daher fahre ich meistens mit meinen Kumpels hin.“

 

Und was sind seine Ziele für die Zukunft? Wie man bei so viel Tatkraft erahnen kann, gibt es viele. Vorrangig dabei für ihn momentan ist der Gemeinde Lietzow zu helfen seine Eigenständigkeit zu bewahren, um eine mögliche Fusion mit anderen Gemeinden zu vermeiden.

„Aber dabei möchte ich nicht im Mittelpunkt stehen,“ sagt er überraschend am Ende. „Ich bin eher zurückhaltend vom Typ her.“

 

Zurückhaltend zu sein hält ihn auf jedem Fall nicht zurück!

 

 

 

Sarah Trenker, Juni 2021

FFW Lietzow

Für mehr Information über die Feuerwehr siehe FFW Lietzow

Gerhard und Erna Schramm

Gerhard Schramm – Lietzows Bürgermeister von 1990 bis 1994 

„Wenn das mal anders kommt, sind Sie alle weg vom Fenster!“

Gerhard Schramm (89) erzählt gerade eine Anekdote von der Wendezeit, als er eine Bürgergemeinschaft mit anderen Gleichgesinnten aus Lietzow gründete. Die Gruppe wollte parteilos sein, erklärt er, um sich ohne irgendwelchen Lobbyismus auf die kommunalen Bedürfnisse zu konzentrieren. Als sie sich im Strandeck versammelten, kam dieser Spruch von einem überzeugten Parteimitglied, das draußen stand.

„Aber es kam nicht anders,“ lächelt Gerhard Schramm und, wie so oft, spiegelt sich der trockene Humor in seinen Augen wider.

 

Wir sitzen gerade im Wohnzimmer vom ehemaligen Bürgermeister, in einem Haus, das er neben seiner Arbeit als Lehrer größtenteils selbst gebaut hat.

„Ich weine der DDR keine Träne nach“, kommentiert er weiter. Er hält für einen Moment inne. Dann schaut er hoch. „Wir wollten damals endlich was bewegen: ein erneuertes Lietzow mit neuen Wohnungen, Straßen und einem vernünftigen Abwasser-System. Das wurde bis dahin sehr vernachlässigt.“ Er hatte, erklärt er weiter, eigentlich gar nicht vor, Bürgermeister zu werden. Das geschah eher zufällig, weil er die meisten Stimmen bekam. Lächelnd ergänzt er: „Ich war der erste Bürgermeister bei der ersten freien Wahl, Lietzows letzter Bürgermeister in der DDR und der erste nach der offiziellen Wiedervereinigung.“

 

Nicht, dass die Zeit in Lietzow vor der Wende nicht gut war, betont er. Er lebt seit 66 Jahren in Lietzow und dachte nie darüber nach, irgendwo anders zu leben. Weniger gut verlief hingegen sein Leben vor seiner Ankunft auf Rügen oder anders gesagt: der Weg dorthin gestaltete sich ziemlich steinig.

 

Geboren in Loitz 1931 war Gerhard Schramm erst 13 als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Sein Vater fiel 1941 in Russland und da dieser als Soldat in der Waffen-SS war, wurde seine Mutter von der russischen Besatzung verhaftet. Gerhard und seine 16-jährige Schwester mussten drei-ein-viertel Jahre, ohne Nachricht, alleine zu Recht kommen bis zur Rückkehr der Mutter und der des Bruders aus der Kriegsgefangenschaft.

Nachdem für ihn der Weg ins Gymnasium gesperrt blieb, machte der junge Schramm zunächst eine Lehre als Bäcker. Erst danach war es ihm möglich, seinem Karrierewunsch zu folgen und Lehrer zu werden. So kam er nach dem Lehrerbildungsinstitut, mit 23, nach Lietzow, um in der Gemeindeschule Mathematik zu unterrichten. Später, nach einem Fernstudium, kamen Physik und Astronomie dazu.

 

„Die Zeit als Lehrer in der Dorfschule, die jetzt das Gemeindehaus ist, war eine besondere Zeit,“ sagt Gerhard Schramm. „Es gab drei Jahrgänge in einem Raum. Der Kontakt mit den Schülern und deren Eltern war viel enger. Man hat Probleme viel früher erkannt – und konnte sie daher leichter lösen.“

Es war überhaupt eine schöne Zeit für den jungen Lehrer. 1956 hat er seine Kindheitsliebe, Erna, geheiratet, die ihm als Lehrerin für Deutsch und Literatur nach Rügen folgte. „Wir lernten uns schon im Sandkasten kennen“, erinnert Schramm. „Wir führten eine sehr glückliche Ehe“.

 

1961, nach der Zentralisierungswelle der DDR, wurden u.a. Lietzows Metzger, Bäcker und die Dorfschule wegrationalisiert und größere Schüler (10-16 Jahre) und deren Lehrer kamen nach Sagard. Alles wurde straffer reguliert; Gerhard Schramm erzählt stolz, dass er es trotzdem schaffte, nicht Parteimitglied werden zu müssen. Aber fügt hinzu, dass dies als Lehrer für Mathematik auch nicht ganz so problematisch war, wie für die KollegenInnen, die Fächer wie Geschichte oder Erdkunde unterrichteten. „In der Mathematik ist drei mal drei immer neun,“ zwinkert er.

 

Er war immer in der Gemeinde aktiv, als Naturschutzbeauftragter, der die Schwäne während der Schneestürme von 1979 fütterte, als Bürgermeister Anfang der 90er Jahre und nicht zuletzt als Experte für Lietzows Geschichte, mit einer faszinierenden Sammlung selbst-recherchierter Dokumente und Bildern.

Karin Schramm mit ihrer Tochter Hedwig

Seinen Lebensgeist und Gemeindesinn hat Gerhard Schramm offensichtlich vererbt. Nicht nur sein Sohn Olaf war aktiv in der Gemeinde, auch seine Enkelin Karin arbeitete in der Gemeindevertretung bis ihr erstes Kind zur Welt kam und sie spielt heute noch eine führende Rolle als Leiterin des Finanzausschusses.

 

Als es am Heiligabend in der Nordstrasse brannte, war sie sofort dabei und leistete einen wichtigen Beitrag, um den betroffenen Familien zu helfen. 

 

Als das Familienoberhaupt abschließend gefragt wird, was er denjenigen rät, die in einer Gemeinde etwas voranbringen wollen, antwortet er gleich: „Man muss immer mit den Nachbarn sprechen und zuhören; so lernt man am besten, was für den Einzelnen wichtig ist.“

 

 

Sarah Trenker, Februar 2021

 

Die Gemeineschule ca. 1923

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Gerhard Schramms Geschichte "Lietzow von der Fähre zum Damm" auf dieser Webseite.

 

Zum Brand am Heiligabend siehe FFW Lietzow.

 

 

Das Bild zeigt die alte Gemeindeschule, jetzt das Gemeindehaus, in ca. 1923. 

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